Samstag, 13. November 2010

Niemand würde ihm glauben

Er sieht das Boot am Horizont verschwinden. Die weißen Segel schieben sich langsam am blauen Himmel entlang. Ein friedliches Bild.

Doch er weiß, dass das Boot kentern wird. Niemand würde ihm glauben, wenn er behauptete, dass bald ein Sturm aufkommt. In wenigen Minuten werden dort hinten, wohin sich das Boot allmählich entfernt, die ersten dunklen Wolken aufziehen. Und dann wird alles ganz schnell gehen.Wind wird aufkommen, und aus dem Wind wird mehr und mehr ein Sturm. Mit ihm werden die Wolken aufs Festland zu rasen und den Himmel verdunkeln. Die Wellen werden immer höher steigen, einen Horizont wird es nicht mehr geben. Die letzten Badegäste werden panisch aus dem Wasser flüchten, nachdem sie von den hohen Wellen überrascht und an Land geworfen wurden. Es wird Nacht werden mit Blitz und Donner über der See. Das Ende der Welt?
Nun plagt ihn sein schlechtes Gewissen. Aber jetzt, in diesem Augenblick, wo er hier steht, auf die weißen Segel vor der blauen Leinwand schaut, den wolkenlosen Himmel genießt, würde ihm doch niemand glauben.


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Kommentare:

herbst.zeitlosen hat gesagt…

Im Moment arbeite ich gerade an meiner Meer-Geschichte, da lese ich deine Zeilen. Sehr schöner Zufall und ein schöner Text! Und ich danke dir, dass du Schwarz auf Weiß bietest und nicht Weiß auf Schwarz. Liest sich einfach besser ;)

syntaxia hat gesagt…

Welch eine Dramatik! Sie nimmt beim Lesen mit und jetzt würde ich gern eingreifen - doch da käme ich zu spät.

..grüßt syntaxia

Rudi Pfaller hat gesagt…

Die überraschende Wendung und Auflösung des Rätsels gefällt mir sehr. Man könnte auch ein Haibun draus machen, wenn man ein Haiku als Auflösung an den Prosatext fügt. Das ist aber sicher nicht einfach.

Schönes Wochenende, lieber Bernd,
es hat mir sehr gefallen hier herbeizuschauen.