Donnerstag, 11. Oktober 2012


09.10.2012 22:16, Davao (Philippinen) am Tag vor der Abreise


Alles geht langsamer voran. Vielleicht macht das die Hitze in diesem Land. Es gibt hundert Gründe dafür, und ein Filipino kann dir bei Tanduay- Rum auf Eis sogar tausend Gründe nennen.

Doch wenn du hier ankommst und noch das Tempo von zuhause im Blut hast, dann schwitzt du innerhalb eines Tages ein gutes halbes Dutzend T-Shirts durch. Alles braucht seine Zeit, und nur ganz allmählich lernst du, dich auf das Land, die Leute und den anderen Takt einzulassen. Anfangs ist dir dieses Tempo unheimlich. Du rümpfst darüber deine deutsche Nase. Aber wenn du  Glück hast und lange genug hier sein kannst, dann kommt irgendwann die Einsicht: du musst zurückschalten, dich langsamer bewegen, dich weniger aufregen und besonders in Geduld üben. Alles andere schadet nur dem Blutdruck, der hier in der Gewöhnungsphase schon arg genug strapaziert wird.

Kauf dir ein Paar Sinelas (= billige Schlappen) auf dem Palengke ( traditioneller philippinischer Markt, der vor allem von Einheimischen besucht wird und einen eigenen Bericht wert ist) und lerne damit zu schlurfen wie die Filipinos und Filipinas. Dann näherst du dich dem angemessenen Tempo allmählich an.

Plötzlich beginnst du, das Land zu fühlen, dich hier aufzulösen. Keine Angst davor, bald erkennst du, wie frei du atmen kannst. Gedanken und Sorgen werden ihre Kraft verlieren. Sie lösen sich sogar irgendwann auf in diesem exotischen Nichts.

Und du schwitzt nur noch drei bis vier  T-Shirts pro Tag durch.

tage gleiten hin
wie die auslegerboote
auf dem glatten meer


Kommentare:

Rudi Pfaller hat gesagt…

Lieber Bernd,

du hast mich sehr gut in dieses Land eingeführt. Das oft wiederholte "du" bedeutet auch "ich" oder allgemeingültig "man". Diese Aussageweise weist dich als Schriftsteller aus.

Hut ab! Wann schreibst du deinen ersten Roman?
Herzlich
Rudi

Bernd Balder hat gesagt…

Lieber Rudi,

es freut mich ganz besonders, deinen Kommentar hier zu lesen. Immerhin bist du in meinen Augen ein besonderer Kenner des Haibun, das ich hier versuchst habe. Da freut mich ein Lob natürlich ganz besonders.
Roman? Es mag und wird wohl auch vermessen sein, aber ich plane so etwas tatsächlich. Ob daraus etwas wird, das sehen wir später mal. ;-)

LG
Bernd

syntaxia hat gesagt…

Geglückt dein Haibun!
Sehr anschaulich die Beschreibung der Anpassungsversuche. Letztlich bleiben es ja Versuche, nicht wahr?!

Gern gelesen!

..grüßt dich Monika

Bernd Balder hat gesagt…

Lb. Monika,

danke dir für deinen Kommentar. Ja, es bleiben Versuche, aber es bleibt doch immer etwas zurück. Und man nimmt etwas mit. ;-)

LG
Bernd

gotrabhu hat gesagt…

ein interessanter bericht, eine wunderbare einsicht und wohl muss man offen und frei sein für diese andere welt, um sich so schnell dort einfühlen und einleben zu können.
dein gedicht ist wunderbar. es strahlt eine stille zufriedenheit aus und vermittelt ein bild wie ein schönes gemälde.
ich wünsche dir ein schönes restliches wochenende, lieber bernd!
renée

veredit - isabella kramer hat gesagt…

Lieber Bernd,

es weckt so sehr das Fernweh nach Asien, erinnert mich an unvergessliche Thailandreisen und die nie nachlassenden Wunsch nach einem neuerlichen Anpassungsversuch.

von Haibuns verstehe ich absolut nichts, aber dein Post, entführt und verzaubert völlig.

ganz liebe Grüße
isabella

Bernd Balder hat gesagt…

Liebe renée,

es freut mich besonders, dass du mein Gedicht heraushebst. Es soll das Resümee sein. So habe ich den Aufenthalt dort erlebt. Ich erlebe ihn eigentlich immer so und deshalb freue ich mich auch schon auf das nächste Mal. Es geht auch anders als nur "schnell, schnell" wie bei uns.

LG
Bernd

Bernd Balder hat gesagt…

Lb. Isabella,

es freut mich besonders, dass du dich an Thailand erinnert fühlst. Zwischen Thailand, dass ich auch schon besucht habe, und den Philippinen gibt es noch große Unterschiede, die sich allerdings nach meiner Meinung in der nächsten Zeit verringern werden. Thailand ist schon voran, die Philippinen sind auf dem Sprung ...

Es gibt viel zu lernen, wenn man einmal fernab ist von Gewohnheit und Heimat. Man muss es nur zulassen. ;-)

LG
Bernd

p.s. Ein wenig Heimat sind mir die Philippinen inzwischen geworden. Warten wir mal ab, wie es weitergeht ... ;-)